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Wo steht Start-up-Deutschland?

Interview mit Dr. Alex von Frankenberg

2020 feiert der HTGF 15. Geburtstag. Nach so vielen Jahren und fast 600 Investments – wo steht Start-up-Deutschland deiner Meinung nach heute?

Deutschland steht sehr gut da und hat in vielen Bereichen extrem aufgeholt. Es gibt mehr Start-up-Marktführer made in Germany, auch einige aus der Hochtechnologie wie das Münchner Process-Mining-Unternehmen Celonis und die Bank N26, eines der erfolgreichsten Fintechs. Dazu kommt eine steigende Anzahl an großen Finanzierungsrunden. Trotzdem gibt es natürlich weiterhin Herausforderungen.

Was meinst du?

Beim Thema Exits zum Beispiel fehlen hierzulande die Börsengänge. 2019 hatten wir zwar mit Teamviewer einerseits den größten Tech-IPO seit dem Platzen der Dotcom-Blase. Aber andererseits sind insgesamt nur vier Unternehmen in Frankfurt an die Börse gegangen. Zum Vergleich: In London waren es rund 27. Deutschland hängt hier einfach hinterher.

Warum hältst du einen IPO als Exit für so wichtig?

Weil Unternehmen nur so weiter in großem Maßstab wachsen können, während sie gleichzeitig unabhängig bleiben. Natürlich kann ein Unternehmen auch wachsen, wenn es gekauft wird, aber in einem anderen Tempo und anderer Wertschöpfung. Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Käufer von Start-ups aus dem Ausland kommen. Ich halte es für den Wirtschaftsstandort Deutschland für super wichtig, dass die großen Erfolgsunternehmen unabhängig bleiben und ihre Wertschöpfung nicht ins Ausland verlagern. Dafür müssen wir aber auch was tun und unser Ökosystem stärken.

Aktuell fordern Vertreter deutscher Start-ups bessere Rahmenbedingungen von der Bundesregierung. Vor allem GetYourGuide-Gründer Johannes Reck hat sich zuletzt immer wieder für eine fairere Besteuerung von Aktienoptionen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Start-ups eingesetzt. Kannst du das nachvollziehen?

Absolut! In den USA sind Mitarbeiterbeteiligungen auf allen Hierarchie-Ebenen die Norm. Das macht etwas mit dem Mindset einer Firma und führt auch langfristig zu einem besseren Ökosystems. Hat man mal ein mit mehreren Milliarden bewertetes Unicorn, entstehen aufgrund der Aktienoptionen schnell ein paar Millionäre. Klar, kaufen die sich auch Luxus. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie einen Teil des Geldes wieder reinvestieren in andere Start-ups. Und hierzulande? Gibt es Aktienoptionen maximal noch in der ersten, zweiten Führungsriege. Und dann wird das auch noch hart besteuert. Regulatorisch und politisch gibt es also eher Gegenwind.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier möchte einen Zukunftsfonds von 10 Milliarden auflegen, um Start-ups und Tech-Industrie zu fördern. Eine gute Idee?

Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Gleichzeitig dürfen wir den Wettbewerb nicht vergessen. Allein der aktuelle Fond von Softbank liegt bei rund 100 Milliarden US-Dollar. Wir brauchen verschiedene smarte Instrumente, um international mithalten zu können. Das heißt, wir müssen weiterhin auf mehreren Ebenen finanzieren– staatlich, halbstaatlich und privat.

Der HTGF hat in seinem dritten Fonds viele private Investoren als Partner. Wo steht Deutschlands Industrie und Mittelstand bei der Digitalisierung?

Innovation ist extrem schnell und radikal. Das hat man jetzt verstanden in Deutschland. Unsere Fonds-Investoren und Industrie-Partner arbeiten mit uns gezielt zusammen, um Zugang zu jungen Start-ups, neuen Ideen und Innovationen zu bekommen. Wir konnten bereits zahlreiche passgenaue Verbindungen zwischen Start-ups und Corporates herstellen, von denen beide Seiten profitieren. Wir sehen uns hier auch als Mittler und machen ja genau deswegen schon im elften Jahr unsere High-Tech-Partnering Conference.

Was waren denn erfolgreiche Verbindungen, die der HTGF aufbauen konnte? Hast du Beispiele?

Absolut, zum Beispiel das Düsseldorfer Start-up Cumulocity, ein ehemaliges Portfolio-Unternehmen des HTGF, das sich auf Cloud-IOT-Infrastrukturen spezialisiert hat. 2017 hat die Software AG Cumulocity übernommen, und der ehemalige CEO des Start-ups ist jetzt CTO der Software AG. Oder AMAL Therapeutics, das einen neuartigen Krebsimpfstoff entwickelt hat und im vergangenen Jahr vom Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim übernommen wurde. Das sind nur zwei Beispiele von zahlreichen aus unserem Portfolio.

Wo siehst du Chancen für Start-ups in Deutschland?

Der B2C-Hype wird zunehmend von B2B-Modellen und hochtechnologischen Trends abgelöst. Darum glaube ich ja so stark an die Zusammenarbeit unserer High-Tech-Start-ups mit der Industrie und dem Mittelstand. Diese erfahrenen Unternehmen bringen viel mit, was Vertriebskanäle, Kundenbeziehungen, Kapital, oder Manpower angeht, aber auch was den Zukunftsmarkt im B2B-Bereich betrifft. Hier lagen schon immer Deutschlands Stärken.

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